Jule Harder

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Kunstschau 69/70

In den Wintermonaten wird die Reihe der Kunstausstellungen in den Räumen der Spielbank Westerland - von dem kunstsinnigen Direktor Ernst Lojewski arrangiert - fortgesetzt. Erstmalig werden Arbeiten von Jule Harder-Schroeder aus Hamburg gezeigt. Die Junge Malerin - nur kurze Zeit Schülerin der Bildhauerklasse des kürzlich verstorbenen Professors Gustav Seitz legitimiert sich mit den Arbeiten "Große Sitzgruppe" und "Frau im Sessel" als begabte Plastikerin. Dennoch löst sich Jule Harder-Schroeder sehr bald von dieser künstlerischen Tätigkeit, weder in Opposition noch in Eigensinn. Vielmehr einer stärkeren Neigung folgend. Sie widmet sich der Malerei. So entstehen in eigenwilliger Weise großformatige Bildnisgestaltungen und kleine Landschaften in Öl.

Die Faszination des menschlichen Antlitzes, der Ausdruck der Hände sind sprechende Akzente im Bemühen, zu Gestaltungen zu kommen. Aus dem Leben des Alltags nimmt die junge Malerin die Figuren. aus dem Gedächtnis und der Rückerinnerung zugleich entstehen diese Bildnisse. Die Dargestellten werden zu Typen, die in der Isolierung vor der Kargheit des Hintergrundes ganz in ihrer Wesenhaftigkeit dastehen. Aus dem einfachen Dasein heraus tragen sie oft den Ausdruck der inneren Einsamkeit. Keine Verschönerung etwa im Hinblick auf ein "Sofabild", sondern die Ergriffenheit allein ist es, welche Melancholie oder psychische Überspanntheit in teilweise dunklen Schöpfungen verdichtet. Jule Harder-Schroeder formt die Menschen in einer z. T. naiven Selbstverständlichkeit, in durchweg dominierender schwarzer Farbe. Nur zwei Arbeiten machen da eine Ausnahme. Die Bedeutung des Umrisses vor flächenhaftem Hintergrund steigert die Wesensform der Dargestellten ins überpersönliche, oft ins Visionäre hinein. In der schmucklosen Bildauffassung steckt eine Steigerung, die diese junge Künstlerin in bewundernswerter Weise zu zwingen weiß. Dabei sind in diesen Bildnisgestaltungen Umfang und Grenzen ihres Schaffens klar abgesteckt. Naturgemäß lassen sich bei der jungen Malerin kaum Entwicklungsphasen ihrer künstlerischen Arbeit erkennen; dennoch ist erstaunlich, wie Jule Harder-Schroeder bereits mit 15 Jahren das "Bildnis des Bruders" gemalt hat. Dieses Ölbild, das nicht in der Ausstellung gezeigt wird, verrät schon die Ernsthaftigkeit des künstlerischen Strebens.

Der Besucher der Ausstellung sucht beim Betrachten der Bildnisgestaltungen vergeblich nach Leitbildern und Vergleichen mit anderen Malern der Vergangenheit oder Gegenwart. Jule Harder-Schroeder macht ihre eigenen Entdeckungen beim Erfassen des seelischen Bereichs eines Menschen. So kann der Mensch, für den sie sich entscheidet, nicht fliehen oder sich verstecken. Bleibt so die Frage offen, ob diese Bildnisse Maske eines Menschen sind, oder ob den dargestellten Menschen die Maske genommen wurde.

Während in den großformatigen Bildnisgestaltungen die Ölfarbe weniger pastos aufgetragen ist, spielt die Farbigkeit der Palette in den kleinen Landschaften eine andere Rolle. Der Beweggrund, die Bildkomposition in den Landschaften immer wieder neu zu beleben, liegt darin, daß die Malerin von der Weite und Grenzenlosigkeit der Landschaft Sylts angesprochen worden ist. Inder Wahl der Motive wie "Winterlandschaft", "Grüne Landschaft" oder "Herbst" wird offenbar, wie sparsam die Mittel der Darstellung sind. Die Leichtigkeit der Handschrift spielt hier eine große Rolle, gerade im "Herbst", der farbig fein abgestimmte Akzente trügt.

Wie in den kleinen Landschaften sind mit wenigen Linien die Erscheinungen des Landschaftsbildes auch in den Zeichnungen klar disponiert.

Jule Harder-Schroeder gibt mit dieser Ausstellung erstmalig einen Einblick in eine Welt, die voller Figur ist. Beachtenswert ist diese Kunstschau 69/70 deshalb, weil sie den Beginn einer zukunftsvollen künstlerischen Laufbahn eines in sich bescheidenen, jungen Menschen zeigt.

Walter Bamberger